PINK FLOYD                              

A Saucerful of Secrets

The Piper at the Gates of Dawn

The Piper at the Gates of Dawn

- nach dem Titel des siebten Kapitels in Kenneth Grahames Kinder-
buchklassiker Wind in den Weiden , das zu Barretts Lieblingslektüre
gehörte — war in jeder Hinsicht eine bemerkenswerte Leistung. Es
ist außerdem das Werk, das Syds mythischen Ruf fast allein begründet
hat, und eins, das die Vorlage für viele Alben lieferte, die seine Kollegen
später ohne ihn machten. Zu Piper gehört eine Roger-Waters-
Komposition: Weniger ein Song denn ein Riff, demonstriert das schrille
Take Up Thy Stethoscope And Walk" nichtsdestotrotz, wie weit er
musikalisch von Barrett entfernt war.
Syd Barrett
 

Die beiden langen Instrumentalstücke — Interstellar Overdrive" und Pow R. Toc. H." - wurden der
ganzen Gruppe zugeschrieben, wobei das Letztere (wenn man die primitive Vier-Spur-Aufnahmetechnik und
den grellen Klang von Syds Gitarre übersieht) Passagen enthält, die nahtlos zu den Pink-Floyd-Hits der
Siebziger nach Barrett passen. Und auf dem ganzen Album wird der Instrumentalsound der Band haupt-
sächlich von den „östlichen" Modalimprovisationen von Wrights hallgesättigter Farfisa-Orgel geprägt.
Trotzdem war Piper, wie June Bolan sagt, „zum größten Teil Syds Kind — und es war ein wundervolles Kind".
Laut Andrew King war Barrett bei der Arbeit am Album „hundertprozentig kreativ und sehr hart zu sich
selbst. Er war erst mit etwas zufrieden, wenn er glaubte, dass es künstlerisch in Ordnung war." Sein
Perfektionismus erstreckte sich sogar auf den normalerweise stumpfsinnigen Mischprozess, wo Syd „die
Regler am Pult offenbar nach Gutdünken rauf- und runter-schob und dabei hübsche Bilder mit den Händen
malte". (Der einzige Piper -Mix, an dem Pink Floyd beteiligt waren und den sie autorisierten, war übrigens
die Monoversion.)

 

     
Standard    Mono Edition    Sonderauflage    
 
Selbst ohne derartige Effekthascherei ist Syds Spiel äußerst innovativ und ausdrucksstark — und völlig
unvorhersagbar. Melodische Soli machen abrupt harten Dissonanzen Platz und dylaneske Klimpereien fast
jazzähnlichen Improvisationen ohne jede Rücksicht auf Tonart und Takt. Barrett gehörte zu den ersten
Rockgitarristen, die mit Wah-Wah und Echohall experimentierten. Und was vielleicht am bemerkens-
wertesten ist: Er transformierte die Slidegitarre (die man zuvor meist mit dem Blues des Mississippideltas
assoziiert hatte) zum Inventar der typisch englischen Traumlandschaften von Pink Floyd. Aber es sind die
Songs an sich, die wie Diamanten funkeln. Zwar lassen sie sich ohne weiteres unter „bedröhnte englische
Wunderlichkeit" einordnen - was viele auch tatsächlich sind, zum Beispiel mit Textzeilen wie „Auf dem
Rücken eines Einhorns durchschwimmen wir den sternenklaren Himmel. Hey-ho! Hier kommen wir,
unheimlich high!" (aus Flaming"). Dennoch sind sie entwaffnend genial, faszinierend melodisch und völlig
originell. Wenige Songwriter jener Zeit hätten es beispielsweise gewagt, ihre Magical Mystery Tour" mit
einer Rahmenhandlung zu verknüpfen, bei der ein Kind seine Mama bittet, ihm eine weitere Gutenacht-
geschichte aus dem Märchenbuch vorzulesen, wie Syd es aufMatilda Mother" macht, wo der Refrain - „Du
musst nur diese Zeilen als schwarzes Gekritzel lesen, und alles erstrahlt!" - in eine neue Strophe übergeht,
die fantastische Bilder von magischen Königen, Glockengeläut und Horden „schattenhafter Reiter" herauf-
beschwört. Gleichzeitig ist Piper erfrischend frei von den üblichen Rock'n'Roll Klischees wie Sex und „Liebe";
tatsächlich schneidet Syd diese Themen so gut wie gar nicht an. Zudem haben wenige erfolgreiche Song-
schreiber der Sechziger so spärlich Gebrauch von den traditionellen Blues- oder Rockformeln gemacht wie
Barrett, und seine Songstrukturen sind oft verblüffend zusammenhanglos.


You only have to read the lines of scribbly black and everything shines.


Häufig unterminiert er auch gewitzt die offenkundige Botschaft eines Songs mit musikalischen Effekten, die etwas völlig Gegenteiliges andeuten - wie auf „Lucifer Sam", wo Wah-WahPedal und Feedback einer ansonsten harmlosen Ode an eine siamesische Katze einen drohenden, gespenstischen Unterton geben. Dennoch mangelt es seinen Kompositionen nicht an Harmonien, auch wenn sie zumeist an den unerwartetsten Stellen auftauchen. Vielen Piper-Songs merkt man deutlich die Bearbeitung an (man hört fast das Klappern der Schere, wenn auf „Matilda Mother" die Instrumentalträumereien zu einem abschließenden Vers metamorphieren) - was in der Zusammenarbeit mit Barrett keine leichte Sache gewesen sein dürfte. Um es mit Norman Smith zu sagen: „Es war wirklich verdammt schwierig mit Syd, weil meiner Meinung nach für Syd die Musik wie ein Statement war, das vom jeweiligen Zeitpunkt abhing. Das bedeutete: Wenn man fünf Minuten später zurückkam, um den nächsten Take zu machen, bekam man wahrscheinlich etwas ganz anderes. Man bekam wahrscheinlich nicht einmal mehr dieselbe Melodie.` (Der Track Interstellar Overdrive", der aus zwei ununterbrochenen, übereinander gedubbten Einspielungen des Stücks bestand, erforderte allerdings keine Bearbeitung.) Aber im Gegensatz zu seinem späteren Werk befindet sich Barrett auf Piper auf dem Höhepunkt seiner kreativen Schaffenskraft. Nur der letzte Song, Bike", scheint mit seinem „Scherz" über einen Mantel am Rand der Psychose dahinzutaumeln: Vorn ist ein Riss, er ist rot und schwarz. Ich habe ihn schon seit Monaten ...  


Am Ende wird der Zuhörer in Syds „anderen Raum" eingeladen - und
die Hölle bricht los. Auf einer Ebene nimmt seine sperrfeuerähnliche
Uhrwerkcollage bereits die späteren Floyd-Stücke vorweg, vor allem
Time" - doch mit dem Unterschied, dass hier die Soundeffekte in keiner
erkennbaren Beziehung zum übrigen Songinhalt stehen und deshalb
noch diabolischer und verrückter klingen. Piper demonstriert ebenfalls,
dass Pink Floyd die begrenzten Studiomöglichkeiten, die ihnen damals
zur Verfügung standen, voll genutzt haben. Der Track Astronomy
Domine
" (auf dem Peter Jenner zu hören ist, wie er die Namen von
Sternen und Galaxien durch ein Megafon aufzählt) zeigt, dass die Band
bereits Studioeffekte wie Echohall praktisch als zusätzliches Instrument einsetzte.

     The Piper At The Gates of Dawn

   01. Astronomy Domine (Barrett) - 4:12 min
   02. Lucifer Sam (Barrett) - 3:07 min
   03. Matilda Mother (Barrett) - 3:08 min
   04. Flaming (Barrett) - 2:46 min
   05. Pow R. Toc H. (Barrett/Waters/Wright/Mason) - 4:26 min
   06. Take Up Thy Stethoscope And Walk (Waters) - 3:05 min
   07. Interstellar Overdrive (Barrett/Waters/Wright/Mason) - 9:41 min
   08. The Gnome (Barrett) - 2:13 min
   09. Chapter 24 (Barrett) - 3:42 min
   10. Scarecrow (Barrett) - 2:11 min
   11. Bike (Barrett) - 3:21 min

   Gesamtspielzeit: 41:52 min

   Auf verschiedenen Fassungen der LP ist
   zusätzlich „See Emily Play“ enthalten.

Dies ist hauptsächlich Norman Smith zu verdanken - und, indirekt, George Martin und den Beatles, die
damals im selben Abbey-Road-Gebäude Sgt. Pepper einspielten und für die Smith jedes Album bis Rubber
Soul arrangiert hatte. Piper bietet im Überfluss studiotechnische Zaubereien, die der Trickkiste der Fab Four
entnommen wurden, vor allem das künstliche Doppeln des Gesangsparts, das bei Barrest noch häufiger
eingesetzt wurde als bei Lennon und McCartney und das nicht unwesentlich zur entrückten Atmosphäre der
Platte beitrug.

Smith entlockte auch Nick Masons Snaredrums jene unverwechselbaren dumpfen Klänge, die er und Martin
bereits aus Ringo  Starrs Schlagzeug hervorgezaubert hatten - und zwar durch den Einsatz von Geschirr-
tüchern als Dämmmaterial. Die Smith- und Abbey-Road-Verbindung war nur die erste von vielen Gelegen-
heiten, bei denen sich die Karriere der beiden Quartette überlappten oder deckten. Diese reichten von
zahlreichen Anspielungen auf die Beatles in der Musik von Pink Floyd über die verblüffend ähnlichen Um-
stände beim Auseinanderbrechen der beiden erfolgreichsten EMI-Gruppen - bis hin zu den Prozessen, mit
denen der dominierende Bassist seine drei ehemaligen Kollegen überzog. Und natürlich wurde Piper nach
seiner Veröffentlichung und seinem Aufstieg in den britischen LP-Charts (es erreichte Platz sechs) häufig mit Pepper verglichen.

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Quellen


Pink Floyd: Vom Underground zur Rock-Ikone Nicholas Schaffner / ISBN:3854452489